Montag, 13. Mai 2013

Die Wechselwirkung zwischen Qi Gong und Kampfkunst. Teil I.



Liebe Leserinnen und Leser,

anknüpfend an meine gute Idee für den Monat Mai möchte ich in den folgenden Beiträgen noch weiter auf das Thema Qi Gong eingehen. Zu diesem Zwecke beabsichtige ich, in drei Teilen meine schriftliche Ausarbeitung "Die Wechselwirkung zwischen Qi Gong und Kampfkunst" in diesem Blog zu veröffentlichen, die vor nunmehr gut vier Jahren den Abschluss meiner Ausbildung zum Tai Chi - und Qi Gong - Lehrer gebildet hatte. Diese Abschlussarbeit wird wissenschaftlichem Standard gerecht, das heißt, sie verfügt über einen wissenschaftlichen Apparat (Anmerkungen in Hochzahlen mit dem Nachweis des geistigen Eigentums anderer, dessen ich mich für die Entwicklung der eigenen Gedankengänge bedient habe; Literaturnachweis). Die Anmerkungen werden am Ende der Arbeit (und damit also mit der Veröffentlichung des dritten Teiles) auch in diesem Blog geliefert werden.
Nachfolgend präsentiere ich also nun das erste Kapitel der Arbeit:


  1. Zurück zu den Wurzeln – der Nutzen jahrtausendealten Wissens
Oftmals kann der Mensch aus dem Wissen, das sich über Jahrtausende hinweg von Generation zu Generation weitervererbt hat, auch in unserer heutigen modernen Zeit noch Gewinn ziehen. Das trifft in besonderer Form auf das Qi Gong zu.

Als frühester Begründer der chinesischen Heilkunde gilt der Gelbe Kaiser, und in dem von ihm entwickelten „Massieren, Leiten und Führen“ kann man wohl auch die Ursprünge des Qi Gong lokalisieren.1

Diese Therapieformen wurden in die Zeit der Streitenden Reiche (403 – 221 v. Chr.) überliefert, in der Zhuangzi weitere Techniken zur Gesunderhaltung des Menschen verbreitete. Daraus entstand überhaupt erst die Qi Gong – Entwicklung.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Tradition vorwiegend mündlich weitergegeben, und ihre Hauptverbreitungsorte waren buddhistische Klöster, daoistische Schreine sowie Volkssekten daoistischer und buddhistischer Richtung. Alle gebildeten Menschen beschäftigten sich in mehr oder minder großem Maße mit der Praxis des Qi Gong, denn ohne Beherrschung des Qi war es nach allgemeiner Ansicht unmöglich, sich mit irgendeiner wichtigen Sache zu beschäftigen, egal, ob das nun die Malerei, Kalligraphie. Poesie, Astronomie, das Bogenschießen oder Speerfechten anbelangte.2

Einige der Systeme des Qi Gong stehen mit dem Training der Kampfkünste in enger Verbindung. Die ursprünglich nicht kämpferischen Übungen fügte man zwischen die kämpferischen Bewegungen, um die aggressive Aktivität der direkten Kampftechniken auszugleichen und um den inneren Qi-Fluß nicht durch Ungleichgewicht zu unterbrechen. In dieser Ausprägung wurden sie in alle späteren Stile überliefert und sind in den heutzutage aktuellen Kampfkunstformen weiterhin vorzufinden.

Jedoch werden sie heutigen Tages meist isoliert betrachtet und oftmals im Sinne von Fitnessübungen missverstanden, doch die Meister betonen ausdrücklich, dass derartige Interpretationen Irrwege sind und nicht bis zur tieferen Bedeutung der Yi-jin-jing – Übungen vordringen. Vielmehr wurde in den Übungen die innere Arbeit betont. Die Idee der Yi-jin-jing wurde seit mehr als 1000 Jahren in den Kampfkünsten gepflegt und geübt. Man kann durchaus behaupten, dass beinahe alle Kampfkünste auf ihrer Basis entstanden oder zumindest von ihnen beeinflusst worden sind.

Oftmals wird im Westen der Fehler begangen, Qi Gong als eine Art Sport zu betrachten, besonders was die Kampfkünste anbelangt. Doch Qi Gong ist weit mehr und von den Inhalten sehr vielfältig. Es schult den Atem, beinhaltet die spirituelle Entwicklung und die Beruhigung des Geistes. Da es auf der chinesischen Medizin basiert, kann man es durchaus als ein abgeschlossenes Gesundheitssystem ansehen. Und vor allen Dingen lehrt es die Entwicklung und Lenkung des Qi, was natürlich nicht unter dem Aspekt des Sporttreibens zu erreichen ist. Auf all diese Aspekte sind die Bewegungen und Meditationstechniken abgestimmt. Sie werden zum Teil schon seit 3000 Jahren praktiziert, weiterentwickelt und verbessert. Ein Unterricht im Qi Gong darf daher auch nie von dem Gesichtspunkt eines sportlichen Trainings erfolgen, denn Qi Gong ist niemals einfach nur eine Bewegung, die man nachvollziehen kann, wie man heute in den Kampfkünsten beispielsweise die Formen übt. Qi Gong ist immer eine Übung für Körper und Geist gleichermaßen. Selbst wenn man die Muskeln und Gelenke exakt wie vorgegeben bewegen und alle Techniken von außen korrekt ausführen sollte, so bleibt dennoch alles nur Form im Sinne von einfacher sportlicher Gymnastik. Erst durch die wirklich hundertprozentige Konzentration, den gesammelten Geist, das aufrichtige In-sich- und Um-sich-Fühlen und die vollkommene Koordination von Körper und Geist wird aus zu erübenden Formen Qi Gong. Wer diesen Umstand erst einmal begriffen hat und sich danach richtet, der wird bald deutliche Veränderungen seiner selbst und seiner Techniken erfahren.3

Man darf vor diesem Hintergrund die chinesische Philosophie nicht außer Acht lassen, denn sie ist der Ausgangspunkt sämtlicher asiatischer Weg-Übungen, wobei der Daoismus dazu die Basis bildet. Die aufmerksame Betrachtung der Natur und deren Verständnis sind seine wesentlichen Merkmale. Durch die Beobachtung der Natur kann der Mensch die Rhythmen und die Regeln der Naturabläufe, denen der Mensch schließlich auch unterworfen ist, verstehen lernen. Durch sein Verständnis, das allein durch das „Herz“ und nicht durch den Intellekt gewonnen werden kann, vermag er auch sich selbst und seinen Platz in der Welt zu begreifen. Die Daoisten gehen davon aus, dass alle Wesen und Dinge der Welt eine eigene Aufgabe haben und einen vorgegebenen Rhythmus des Lebens in sich tragen. Darin besteht der ganz individuelle Teil der übergeordneten Naturgesetze des Dao. Versteht man das Dao, kann man mit sich selbst in Frieden und Harmonie leben. Zufriedenheit und intuitives Leben kennzeichnen diesen Zustand des Gefühls der Einheit mit der ganzen Welt.

Dieser Gedanke prägte auch die Kampfkünste wesentlich. Über viele Jahrhunderte hinweg waren die Kampfkünste ein Weg zu dieser geistigen Schule. Für viele waren sie keineswegs nur Selbstzweck, sondern der Weg, um zum „ganzen Menschen“ zu werden. Daher ist die Philosophie keineswegs ein bloßes Beiwerk, sondern vielmehr der Ausgangspunkt aller Kampfkünste gewesen. Dabei war das Endziel klar definiert: Es bestand in der vollkommenen Weisheit. Das Bild des Meisters, der in Gelassenheit und Ruhe lebt und immer angemessen und natürlich reagiert, stellte danach die höchste Stufe der Vervollkommnung dar.

Man kann dies als den Weg des Menschen umreißen, der nach dem Sinn des Lebens sucht und seine Persönlichkeit einer Schulung in Selbstbetrachtung unterwirft. Dieser Gedanke wurde später auch im Chan (Zen) aufgegriffen und bestimmte alle Künste in Asien.4

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Ich bitte die geneigten Leser, dass mitunter uneinheitliche Schriftbild zu entschuldigen. Dieser Umstand ist der Notwendigkeit geschuldet, den ursprünglichen Text von einem Word-Dokument hier in diesen Blog einfügen zu müssen.

In diesem Sinne verbleibe ich einmal mehr,

Euer Sifu Kai
 

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