Sonntag, 17. März 2013

Über die Vorteile der Verbandsunabhängigkeit

Liebe Mitlesende,

des öfteren wurde ich schon gefragt, warum ich mich als Sifu für Wing Chun keinem großen Dachverband (wie z.B. der EWTO oder der IWKA ) angeschlossen habe, sondern lieber verbandsunabhängig unterrichte.
Nun, einerseits gehöre ich ja der International Sifu Federation und dem Yip Man Martial Arts Sifu Council an, welche Fachabteilungen der Martial Arts Association – International sind, und andererseits möchte ich die betont unabhängige Unterrichtsweise meines Sifu fortführen, der stets systemübergreifend unterrichtet hat, auch wenn er vordergründig eine Orientierung an der Yip Man – Version des Wing Chun vorgenommen hatte, in die auch Elemente aus der Lo – Familie integriert worden sind. Da ich selbst auch die Unterrichtspraktiken der EWTO kenne und obendrein Einblicke in die Ideen der EBMAS und IWKA erhalten durfte, denke ich, dass ich die systemübergreifende Unterrichtsweise meines Lehrers in seinem Sinne werde fortführen können, denn für mich persönlich stellt der freie, unbeschränkte Geist (nicht nur in der Kampfkunst) die höchste Maxime dar.

Welche Vorteile bietet nun eine Verbandsunabhängigkeit?
Zuerst einmal muss man bedenken, dass leider nicht jede Wing Chun – Schule dem Schüler eine ehrliche, faire und vertrauenswürdige Basis bietet. Man darf nie vergessen, dass sich eine gute Wing Chun – Schule nicht durch die Kampfstärke des Lehrers auszeichnet, sondern durch die Art und Weise, wie Wing Chun vermittelt wird.
Auch existieren viele Schulen, die in den ersten Jahren (!) gar kein Wing Chun oder höchstens kleine Bruchstücke davon unterrichten. Ein Konglomerat aus diversen Verteidigungs- und „Defence“- Stilen wird da häufig als Wing Chun – Technik verkauft, und der unbedarfte Laie erkannt meist erst nach (mehr oder weniger verlorenen) Jahren, dass er nur Zeit vergeudet und eben kein Wing Chun gelernt hat.
Da es jedoch ganz offensichtlich keinen Sinn machen kann, Wing Chun als eine effektive Kampfkunst zu bezeichnen, dann aber zuerst etwas ganz anderes zu unterrichten, lehre ich nach den Maßstäben meines Sifu vom ersten Tag an offen und ehrlich und ohne alle Schnörkel oder sonstigen Verzierungen / Abwandlungen Wing Chun.

In einigen Wing Chun-Schulen gleichen die Verträge wahren Pflichtenkatalogen: Der Schüler wird im Regelfall auf 12 Monate zur Zahlung von Monatsbeiträgen, aber zusätzlich auch noch zur Zahlung von einem oder mehreren Jahresbeiträgen an verschiedene Unternehmen verpflichtet.
Der "Mitgliedsantrag" besteht oft aus zwei oder drei Verträgen mit diversen GmbHs oder GmbH&Co. KGs und enthält für den Schüler nur (Zahlungs-)Pflichten ohne die Gegenleistung detailliert zu beschreiben.
Bei mir hingegen zahlt der Schüler lediglich vor Beginn der jeweiligen Unterrichtseinheit an mich persönlich.
Erscheint er nicht zum Unterricht, braucht er auch nichts zu zahlen. Somit entsteht ein konkretes Vertrauensverhältnis aus Leistung und Gegenleistung. Der Schüler weiß genau, was er vom Unterricht erwarten darf und wofür er seinen Beitrag entrichtet.

In vielen Wing Chun-Schulen ist es üblich , dass der Schüler erst eine (kostenpflichtige) Prüfung ablegen muss, bevor er neue Programme erlernen darf. Bei mir erhält jeder die Chance, in seiner persönlichen Geschwindigkeit Schritt für Schritt das komplette Wing Chun-System zu lernen. Es gibt bei mir auch keinen Prüfungszwang, keine "Wartezeiten" oder sogenannte "Mindestvorbereitungszeiten".
Oftmals wird in einigen Schulen auch das Chi Sao überbewertet. Zwar darf der Spruch „Das Herz des Wing Chun sind die Chi-Sao-Sektionen“ seine Gültigkeit beanspruchen, nicht umsonst gibt es neunzehn Sektionen für das Chi Sao, jedoch betrachte ich den Umstand, die Schüler pro Sektion bis zu 250 € zahlen zu lassen, wie es nicht selten vorkommt, doch als Abzockerei. So darf es auch nicht verwundern, dass man in einigen Verbänden den Preis eines Oberklassekraftfahrzeuges einrechnen muss, bis man das komplette System erlernt hat.
Da das Chi Sao aber zum Wing Chun dazugehört wie die Blüte der Bäume zum Frühling, sehe ich keinen Sinn darin, diese Übungen aus dem Unterricht auszuklammern und extra bezahlen zu lassen. Das Chi Sao wird bei mir in das Training integriert und begleitet das Erlernen der Formen und der Partnerübungen.

Wie man sieht, ergeben sich aus der Verbandsunabhängigkeit einige nicht zu unterschätzende Vorteile, die vor allem den Schülern zugute kommen.

Um sich im Dschungel der diversen Verbände ein wenig orientieren zu können, präsentiere ich hier nun noch einmal einen groben Überblick über die Entwicklung des Wing Chun zu den heutigen – meist miteinander konkurrierenden – Dachverbänden:

Wing Chun wurde über Generationen hinweg nur im engsten Kreis weitergegeben. Erst unter Yip Man wurde Wing Chun auch in einer breiteren Öffentlichkeit unterrichtet.
Im Laufe der Zeit haben die von Yip Man unterrichteten Schüler ihre eigenen Schülergenerationen hervorgebracht. Zwischen den einzelnen Generationen bestehen Unterschiede in manchen Ansichten zu dem Wing Chun-System. Zur Unterscheidung nach außen wählten die Vertreter der unterschiedlichen Ansichten deshalb andere Schreibweisen.
Die chinesischen Schriftzeichen wurden von Yip Man als „Ving Tsun“ in lateinische Buchstaben umgesetzt. Diese Schreibweise verwendet auch die Wong Shun Leung-Linie. Einige seiner Schüler bevorzugten die amerikanische Schreibweise „Wing Chun“, so z.B. auch Bruce Lee, aber auch Yip Mans Söhne und William Cheung. Auch in Europa hat sich die Schreibweise „Wing Chun“ als übergreifende Bezeichnung weitgehend durchgesetzt  Yip Mans letzter Schüler Leung Ting verwendete zunächst zur Abgrenzung die Variante „Wing Tsun“ und später die zusammengezogene Schreibweise „WingTsun“.

Bruce Lee, der ebenfalls von Yip Man gelernt hatte, gründete sein eigenes Kampfkonzept namens „Jeet Kune Do“. Neben all diesen existieren einige weitere nahmhafte Schüler Yip Mans, die ihren eigenen Stil - und damit eben auch ihre eigene Schreibweise - begründet haben.
In Deutschland gibt es derzeit eine Vielzahl von Schreibweisen und Verbänden.

In der Hoffnung, mit diesem Beitrag meinen Standpunkt zum Thema Verbandszugehörigkeit ein wenig dargelegt zu haben, verbleibe ich wieder

Euer Sifu Kai



Freitag, 1. März 2013

Die gute Idee für den Monat März

Liebe Mitlesende,

nachdem ich für den Februar den Vorschlag unterbreitet hatte, Tätigkeiten des Alltags mit der schwächeren Hand auszuführen, möchte ich nun für den März anregen, öfter mal nur auf einem Bein zu stehen.
Wie wir alle wissen, schult das Stehen auf einem Bein das Gleichgewicht in besonderem Maße und stellt eine Herausforderung an den Gleichgewichtssinn und an die Koordination diverser Muskelgruppen des Körpers dar. Auf der Fotoillustration (entstanden im Jahr 2009) sieht man den Autor beim Üben einer Position aus der Zhan Zhuang Gong (Übungen der stehenden Säule), die dem Qi Gong zuzurechnen ist und in dieser Ausprägung die fortgeschrittene Version auf einem Bein der Figur "Den Baum umarmen" darstellt. Während bei dieser Übung auf einem Bein gestanden wird, während der Körper sich lediglich in einer ruhenden Position befindet, so kann man jedoch auch den Schwierigkeitsgrad noch steigern, indem man auf einem Bein stehend Bewegungen mit den oberen Extremitäten ausführt. Das Üben der Siu Nim Tao - Form auf einem Bein stellt im Wing Chun eine beliebte Trainingsmöglichkeit dar, zusätzlich zu den Handtechniken auch noch einen stabilen, verwurzelten Stand auszubilden und die Kraft in den Beinen zu schulen.
In der Kampfkunst entscheidet ein stabiler, verwurzelter Stand, der trotz alledem noch eine hohe Flexibilität erlaubt, zu einem großen Teil mit über den Erfolg im praxisorientierten Kämpfen. Ich möchte jetzt nicht eine Diskussion über die verschiedenen Lösungsansätze und Tauglichkeiten der Stände diverser Kampfkunstrichtungen (Stichwort: hohe und tiefe Stände) anstoßen, sondern will ganz einfach nur darauf hinweisen, dass eine gute Balance im Sinne eines harmonischen Körpergefühls und Gleichgewichtsempfindens für die Kampfkunst unablässlich ist.
Doch auch aus der Sicht der allgemeinen Gesundheitsvorsorge ist eine Schulung des Gleichgewichtssinnes sehr zu empfehlen. So kann dadurch dem tückischen und gefürchteten Altersschwindel vorgebeugt werden, der viele ältere Menschen von diversen Aktivitäten ausschließt, da sie von der Furcht beherrscht werden, sie könnten stürzen und sich ernsthafte Verletzungen zuziehen. Daher ist es auch aus gesundheitssportlicher Sicht äußerst sinnvoll, rechtzeitig daran zu arbeiten, sich ein stabiles Maß an Gleichgewichtssinn durch regelmäßige Übungen zu erhalten.
Bevor ich für heute zum Schluss komme, möchte ich noch anmerken, dass es neben den spezifischen Übungen noch vielerlei Möglichkeiten gibt, das Gleichgewicht zu schulen. So kann man beispielsweise einfach öfter mal auf einem Bein stehen, während man sich ankleidet, während man telefoniert oder während man sich die Haare kämmt... Dem Einfallsreichtum sind auch in dieser Hinsicht praktisch keine Grenzen gesetzt, so dass auch niemand eine ernsthafte Ausrede vorbringen kann, warum er die Schulung des Gleichgewichtssinnes eventuell vernachlässigt.
In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Spaß beim Üben und verbleibe einmal mehr

Euer Sifu Kai