Liebe Mitlesende,
des öfteren wurde ich schon gefragt, warum ich mich als Sifu für Wing Chun keinem großen Dachverband (wie z.B. der EWTO oder der IWKA ) angeschlossen habe, sondern lieber verbandsunabhängig unterrichte.
Nun, einerseits gehöre ich ja der International Sifu Federation und dem Yip Man Martial Arts Sifu Council an, welche Fachabteilungen der Martial Arts Association – International sind, und andererseits möchte ich die betont unabhängige Unterrichtsweise meines Sifu fortführen, der stets systemübergreifend unterrichtet hat, auch wenn er vordergründig eine Orientierung an der Yip Man – Version des Wing Chun vorgenommen hatte, in die auch Elemente aus der Lo – Familie integriert worden sind. Da ich selbst auch die Unterrichtspraktiken der EWTO kenne und obendrein Einblicke in die Ideen der EBMAS und IWKA erhalten durfte, denke ich, dass ich die systemübergreifende Unterrichtsweise meines Lehrers in seinem Sinne werde fortführen können, denn für mich persönlich stellt der freie, unbeschränkte Geist (nicht nur in der Kampfkunst) die höchste Maxime dar.
Welche Vorteile bietet nun eine Verbandsunabhängigkeit?
Zuerst einmal muss man bedenken, dass leider nicht jede Wing Chun – Schule dem Schüler eine ehrliche, faire und vertrauenswürdige Basis bietet. Man darf nie vergessen, dass sich eine gute Wing Chun – Schule nicht durch die Kampfstärke des Lehrers auszeichnet, sondern durch die Art und Weise, wie Wing Chun vermittelt wird.
Auch existieren viele Schulen, die in den ersten Jahren (!) gar kein Wing Chun oder höchstens kleine Bruchstücke davon unterrichten. Ein Konglomerat aus diversen Verteidigungs- und „Defence“- Stilen wird da häufig als Wing Chun – Technik verkauft, und der unbedarfte Laie erkannt meist erst nach (mehr oder weniger verlorenen) Jahren, dass er nur Zeit vergeudet und eben kein Wing Chun gelernt hat.
Da es jedoch ganz offensichtlich keinen Sinn machen kann, Wing Chun als eine effektive Kampfkunst zu bezeichnen, dann aber zuerst etwas ganz anderes zu unterrichten, lehre ich nach den Maßstäben meines Sifu vom ersten Tag an offen und ehrlich und ohne alle Schnörkel oder sonstigen Verzierungen / Abwandlungen Wing Chun.
In einigen Wing Chun-Schulen gleichen die Verträge wahren Pflichtenkatalogen: Der Schüler wird im Regelfall auf 12 Monate zur Zahlung von Monatsbeiträgen, aber zusätzlich auch noch zur Zahlung von einem oder mehreren Jahresbeiträgen an verschiedene Unternehmen verpflichtet.
Der "Mitgliedsantrag" besteht oft aus zwei oder drei Verträgen mit diversen GmbHs oder GmbH&Co. KGs und enthält für den Schüler nur (Zahlungs-)Pflichten ohne die Gegenleistung detailliert zu beschreiben.
Bei mir hingegen zahlt der Schüler lediglich vor Beginn der jeweiligen Unterrichtseinheit an mich persönlich.
Erscheint er nicht zum Unterricht, braucht er auch nichts zu zahlen. Somit entsteht ein konkretes Vertrauensverhältnis aus Leistung und Gegenleistung. Der Schüler weiß genau, was er vom Unterricht erwarten darf und wofür er seinen Beitrag entrichtet.
In vielen Wing Chun-Schulen ist es üblich , dass der Schüler erst eine (kostenpflichtige) Prüfung ablegen muss, bevor er neue Programme erlernen darf. Bei mir erhält jeder die Chance, in seiner persönlichen Geschwindigkeit Schritt für Schritt das komplette Wing Chun-System zu lernen. Es gibt bei mir auch keinen Prüfungszwang, keine "Wartezeiten" oder sogenannte "Mindestvorbereitungszeiten".
Oftmals wird in einigen Schulen auch das Chi Sao überbewertet. Zwar darf der Spruch „Das Herz des Wing Chun sind die Chi-Sao-Sektionen“ seine Gültigkeit beanspruchen, nicht umsonst gibt es neunzehn Sektionen für das Chi Sao, jedoch betrachte ich den Umstand, die Schüler pro Sektion bis zu 250 € zahlen zu lassen, wie es nicht selten vorkommt, doch als Abzockerei. So darf es auch nicht verwundern, dass man in einigen Verbänden den Preis eines Oberklassekraftfahrzeuges einrechnen muss, bis man das komplette System erlernt hat.
Da das Chi Sao aber zum Wing Chun dazugehört wie die Blüte der Bäume zum Frühling, sehe ich keinen Sinn darin, diese Übungen aus dem Unterricht auszuklammern und extra bezahlen zu lassen. Das Chi Sao wird bei mir in das Training integriert und begleitet das Erlernen der Formen und der Partnerübungen.
Wie man sieht, ergeben sich aus der Verbandsunabhängigkeit einige nicht zu unterschätzende Vorteile, die vor allem den Schülern zugute kommen.
Um sich im Dschungel der diversen Verbände ein wenig orientieren zu können, präsentiere ich hier nun noch einmal einen groben Überblick über die Entwicklung des Wing Chun zu den heutigen – meist miteinander konkurrierenden – Dachverbänden:
Wing Chun wurde über Generationen hinweg nur im engsten Kreis weitergegeben. Erst unter Yip Man wurde Wing Chun auch in einer breiteren Öffentlichkeit unterrichtet.
Im Laufe der Zeit haben die von Yip Man unterrichteten Schüler ihre eigenen Schülergenerationen hervorgebracht. Zwischen den einzelnen Generationen bestehen Unterschiede in manchen Ansichten zu dem Wing Chun-System. Zur Unterscheidung nach außen wählten die Vertreter der unterschiedlichen Ansichten deshalb andere Schreibweisen.
Die chinesischen Schriftzeichen wurden von Yip Man als „Ving Tsun“ in lateinische Buchstaben umgesetzt. Diese Schreibweise verwendet auch die Wong Shun Leung-Linie. Einige seiner Schüler bevorzugten die amerikanische Schreibweise „Wing Chun“, so z.B. auch Bruce Lee, aber auch Yip Mans Söhne und William Cheung. Auch in Europa hat sich die Schreibweise „Wing Chun“ als übergreifende Bezeichnung weitgehend durchgesetzt Yip Mans letzter Schüler Leung Ting verwendete zunächst zur Abgrenzung die Variante „Wing Tsun“ und später die zusammengezogene Schreibweise „WingTsun“.
Bruce Lee, der ebenfalls von Yip Man gelernt hatte, gründete sein eigenes Kampfkonzept namens „Jeet Kune Do“. Neben all diesen existieren einige weitere nahmhafte Schüler Yip Mans, die ihren eigenen Stil - und damit eben auch ihre eigene Schreibweise - begründet haben.
In Deutschland gibt es derzeit eine Vielzahl von Schreibweisen und Verbänden.
In der Hoffnung, mit diesem Beitrag meinen Standpunkt zum Thema Verbandszugehörigkeit ein wenig dargelegt zu haben, verbleibe ich wieder
Euer Sifu Kai
Sonntag, 17. März 2013
Freitag, 1. März 2013
Die gute Idee für den Monat März
Liebe Mitlesende,
nachdem ich für den Februar den Vorschlag unterbreitet hatte, Tätigkeiten des Alltags mit der schwächeren Hand auszuführen, möchte ich nun für den März anregen, öfter mal nur auf einem Bein zu stehen.
Wie wir alle wissen, schult das Stehen auf einem Bein das Gleichgewicht in besonderem Maße und stellt eine Herausforderung an den Gleichgewichtssinn und an die Koordination diverser Muskelgruppen des Körpers dar. Auf der Fotoillustration (entstanden im Jahr 2009) sieht man den Autor beim Üben einer Position aus der Zhan Zhuang Gong (Übungen der stehenden Säule), die dem Qi Gong zuzurechnen ist und in dieser Ausprägung die fortgeschrittene Version auf einem Bein der Figur "Den Baum umarmen" darstellt. Während bei dieser Übung auf einem Bein gestanden wird, während der Körper sich lediglich in einer ruhenden Position befindet, so kann man jedoch auch den Schwierigkeitsgrad noch steigern, indem man auf einem Bein stehend Bewegungen mit den oberen Extremitäten ausführt. Das Üben der Siu Nim Tao - Form auf einem Bein stellt im Wing Chun eine beliebte Trainingsmöglichkeit dar, zusätzlich zu den Handtechniken auch noch einen stabilen, verwurzelten Stand auszubilden und die Kraft in den Beinen zu schulen.
In der Kampfkunst entscheidet ein stabiler, verwurzelter Stand, der trotz alledem noch eine hohe Flexibilität erlaubt, zu einem großen Teil mit über den Erfolg im praxisorientierten Kämpfen. Ich möchte jetzt nicht eine Diskussion über die verschiedenen Lösungsansätze und Tauglichkeiten der Stände diverser Kampfkunstrichtungen (Stichwort: hohe und tiefe Stände) anstoßen, sondern will ganz einfach nur darauf hinweisen, dass eine gute Balance im Sinne eines harmonischen Körpergefühls und Gleichgewichtsempfindens für die Kampfkunst unablässlich ist.
Doch auch aus der Sicht der allgemeinen Gesundheitsvorsorge ist eine Schulung des Gleichgewichtssinnes sehr zu empfehlen. So kann dadurch dem tückischen und gefürchteten Altersschwindel vorgebeugt werden, der viele ältere Menschen von diversen Aktivitäten ausschließt, da sie von der Furcht beherrscht werden, sie könnten stürzen und sich ernsthafte Verletzungen zuziehen. Daher ist es auch aus gesundheitssportlicher Sicht äußerst sinnvoll, rechtzeitig daran zu arbeiten, sich ein stabiles Maß an Gleichgewichtssinn durch regelmäßige Übungen zu erhalten.
Bevor ich für heute zum Schluss komme, möchte ich noch anmerken, dass es neben den spezifischen Übungen noch vielerlei Möglichkeiten gibt, das Gleichgewicht zu schulen. So kann man beispielsweise einfach öfter mal auf einem Bein stehen, während man sich ankleidet, während man telefoniert oder während man sich die Haare kämmt... Dem Einfallsreichtum sind auch in dieser Hinsicht praktisch keine Grenzen gesetzt, so dass auch niemand eine ernsthafte Ausrede vorbringen kann, warum er die Schulung des Gleichgewichtssinnes eventuell vernachlässigt.
In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Spaß beim Üben und verbleibe einmal mehr
Euer Sifu Kai
nachdem ich für den Februar den Vorschlag unterbreitet hatte, Tätigkeiten des Alltags mit der schwächeren Hand auszuführen, möchte ich nun für den März anregen, öfter mal nur auf einem Bein zu stehen.
Wie wir alle wissen, schult das Stehen auf einem Bein das Gleichgewicht in besonderem Maße und stellt eine Herausforderung an den Gleichgewichtssinn und an die Koordination diverser Muskelgruppen des Körpers dar. Auf der Fotoillustration (entstanden im Jahr 2009) sieht man den Autor beim Üben einer Position aus der Zhan Zhuang Gong (Übungen der stehenden Säule), die dem Qi Gong zuzurechnen ist und in dieser Ausprägung die fortgeschrittene Version auf einem Bein der Figur "Den Baum umarmen" darstellt. Während bei dieser Übung auf einem Bein gestanden wird, während der Körper sich lediglich in einer ruhenden Position befindet, so kann man jedoch auch den Schwierigkeitsgrad noch steigern, indem man auf einem Bein stehend Bewegungen mit den oberen Extremitäten ausführt. Das Üben der Siu Nim Tao - Form auf einem Bein stellt im Wing Chun eine beliebte Trainingsmöglichkeit dar, zusätzlich zu den Handtechniken auch noch einen stabilen, verwurzelten Stand auszubilden und die Kraft in den Beinen zu schulen.
In der Kampfkunst entscheidet ein stabiler, verwurzelter Stand, der trotz alledem noch eine hohe Flexibilität erlaubt, zu einem großen Teil mit über den Erfolg im praxisorientierten Kämpfen. Ich möchte jetzt nicht eine Diskussion über die verschiedenen Lösungsansätze und Tauglichkeiten der Stände diverser Kampfkunstrichtungen (Stichwort: hohe und tiefe Stände) anstoßen, sondern will ganz einfach nur darauf hinweisen, dass eine gute Balance im Sinne eines harmonischen Körpergefühls und Gleichgewichtsempfindens für die Kampfkunst unablässlich ist.
Doch auch aus der Sicht der allgemeinen Gesundheitsvorsorge ist eine Schulung des Gleichgewichtssinnes sehr zu empfehlen. So kann dadurch dem tückischen und gefürchteten Altersschwindel vorgebeugt werden, der viele ältere Menschen von diversen Aktivitäten ausschließt, da sie von der Furcht beherrscht werden, sie könnten stürzen und sich ernsthafte Verletzungen zuziehen. Daher ist es auch aus gesundheitssportlicher Sicht äußerst sinnvoll, rechtzeitig daran zu arbeiten, sich ein stabiles Maß an Gleichgewichtssinn durch regelmäßige Übungen zu erhalten.
Bevor ich für heute zum Schluss komme, möchte ich noch anmerken, dass es neben den spezifischen Übungen noch vielerlei Möglichkeiten gibt, das Gleichgewicht zu schulen. So kann man beispielsweise einfach öfter mal auf einem Bein stehen, während man sich ankleidet, während man telefoniert oder während man sich die Haare kämmt... Dem Einfallsreichtum sind auch in dieser Hinsicht praktisch keine Grenzen gesetzt, so dass auch niemand eine ernsthafte Ausrede vorbringen kann, warum er die Schulung des Gleichgewichtssinnes eventuell vernachlässigt.
In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Spaß beim Üben und verbleibe einmal mehr
Euer Sifu Kai
Sonntag, 17. Februar 2013
Über "Weichheit" im Wing Chun
Liebe Mitlesende,
nachdem ich jüngst wieder einmal in eine Diskussion über die Bedeutung von Weichheit im Wing Chun verstrickt worden bin, möchte ich Euch an meinen Ideen und Überzeugungen zu diesem Thema teilhaben lassen. Ich bin mir bewusst, dass es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, und sicher dürfen diese Ansichten für die Vertreter anderer Linien innerhalb der großen Wing Chun - Familie auch ihre volle Gültigkeit und Berechtigung beanspruchen. Auch denke ich keinesfalls, dass ich mit meiner Auslegung, die sich im Rahmen der von mir erlernten Wing Chun - Linie bewegt, der Weisheit letzten Schluss für mich beanspruchen dürfte. Ich möchte lediglich meine Gedanken dazu präsentieren.
Die Weichheit im Wing Chun ist untrennbar mit den taoistischen Prinzipien verbunden. Letztendlich bedeutet Weichheit nichts anderes, als die Schwäche zur Stärke zu machen. Vergessen wir nicht: Wing Chun wurde von einer Frau entwickelt! Das bedeutet jetzt natürlich nicht, dass alle Wing Chun - Ausübenden Schwächlinge sein müssen.
Viel mehr sollte man bestrebt sein, Freude an der Harmonie zu empfinden und nicht mehr unbedingt "mit dem Kopf durch die Wand" zu wollen. Somit bedeutet "weich" im Wing Chun für mich keinesfalls "schwach". "Weich" heißt für mich flexibel, anpassungsfähig und geschmeidig zu sein. Als Gegensatz könnte man die Starrheit anführen, die mit den Attributen unbeugsam, tot und brüchig einhergeht.
Selbstverständlich sollte man sich nicht scheuen, die Muskeln einzusetzen, denn wie sonst könnte man wohl eine explosive Technik hervorrufen? In einer weichen Kampfkunst entspannt man zunächst daher alle Muskeln und setzt dann allmählich nach Bedarf immer weitere ein.
Um die Weichheit zu entwickeln empfehle ich speziell die Siu Nim Tao - Form sowie Chi Sao - Training.
Nun gibt es Stimmen, die berechtigterweise behaupten, dass sich ein Kampf - zumal für Anfänger - nicht allein durch Weichheit gewinnen lässt. Jedoch ist die Weichheit mit eine der Voraussetzungen, wenn man einen Kampf nach den Wing Chun - Prinzipien bestreiten möchte. Und dennoch wird die Praxis, die Schüler von Beginn an auf Weichheit zu trimmen, von manchen Wing Chun - Vertretern kritisiert. Diese Leute behaupten nämlich, dass der Schüler dadurch im Grunde um den Entwicklungsschritt der enorm wichtigen Struktur beraubt wird , indem man ihn ständig an die Weichheit gemahnt, ohne darauf hinzuweisen das ein Angriff auch mal recht hart und kraftvoll sein kann. Da wird wie folgt argumentiert: "Der Starke ist in erster Linie erfolgreich, was seine Selbstverteidigung angeht und quält sich nicht jahrelang mit 'Weichwerden' ab. Weich kann es ja immer noch werden. Dieser Prozess vom 'Harten zum Weichen' ist enorm wichtig für die Entwicklung des Schülers und darf unter keinen Umständen vorenthalten werden. Wenn ich nicht weiß was 'hart' ist, wie soll ich für mich einschätzen lernen, was mit 'weich' gemeint sein soll."
Auch wird von der selben Seite dann gerne darauf hingewiesen, dass es selbst im WT Stilrichtungen gibt, welche in ihrer "Härte" dem Karate in nichts nachstehen. So hätten die meisten hohen Meister nämlich vom Harten zum Weichen diese Entwicklung selbst beschritten - wer es nicht glaubt, sehe sich alte Bilder in Büchern oder Zeitschriften der üblichen Verdächtigen einfach mal genauer an.
Zu diesen Behauptungen möchte ich nun wie folgt Stellung nehmen:
Da ja das WT hier aufgeführt wurde, so darf doch nicht vergessen werden, dass Keith R. Kernspecht, der des öfteren auch schon als "Vater des WT in Europa" bezeichnet worden ist, auf eine lange Zeit in der Krafttrainingsszene zurückblicken kann und selbst den Weg von "harten" Stilen zum "weichen" WT beschreiten musste. Nach seiner eigenen Aussage tat er sich dabei längere Zeit nicht gerade leicht.
Ich selbst bin über harte Stile zum weicheren Wing Chun gekommen und hatte anfänglich auch Startprobleme, die sich erst im Rahmen von Privatunterricht beheben ließen.
Die Erkenntnis, dass ein Mehr an Kraft letztendlich den Ausschlag in einem Kampf geben kann, hatte ja bereits Eberhard Schneider in seinem Buch "Krafttraining für Kung Fu und Karate" dargelegt.
Nicht umsonst wird das Wing Chun - Training ja auch durch spezifische Kraftübungen belebt, die Arbeit mit dem Langstab sei hier nur als ein Beispiel genannt.
Dennoch ist nichts falsch daran, die Schüler von der ersten Stunde an auf Weichheit zu trimmen. Und dieses Konzept besagt ja noch lange nicht, dass ein Angriff (der ja bekanntlich auch die beste Verteidigung ist) nicht trotzdem auch explosiv und daher kraftvoll vorgetragen werden kann. Es mag ja sein, dass der Starke (im Sinne von physischer Überlegenheit durch Körpergewicht und Muskelmasse) mit seiner auf Härte und brachialer Gewalt, wo meist Kraft gegen Kraft gesetzt wird, so dass der Kräftigere letztendlich Sieger bleiben wird, basierenden Selbstverteidigung erfolgreich ist. Nur hat das dann mit den Wing Chun - Prinzipien nur noch herzlich wenig zu tun. Und ich denke eben nicht, dass dieser Typus Kämpfer noch eines Tages wirkliche Weichheit erlangen wird.
Wie der weiter oben bereits genannte "Vater des WT in Europa" einmal recht treffend anmerkte: "Wer in der Jugend hart beginnt, wird im Alter nicht weich, sondern höchstens schwach und brüchig".
Mir ist auch keine Wing Chun - Stilrichtung bekannt, die in ihrer Härte dem Karate ähneln würde. Und wie wir sicher alle wissen, gibt es auch im Karate innerhalb der einzelnen Stilrichtungen noch Unterschiede und Abstufungen in punkto Härte bzw. relative "Weichheit".
Ich denke daher, wenn man schon die Chance hat, einem Schüler, der nicht zuvor durch härtere Stile für die Weichheit "verdorben" worden ist, gleich von Beginn an die Weichheit zu vermitteln, dann wäre es ein Fehler, diese Chance nicht zu nutzen. Denn als Sifu darf man in erster Linie nur eines im Auge haben: das Wohl und den Fortschritt seiner Schüler.
Letztendlich muss man in diesem Zusammenhang das Wissen um das Zusammenwirken der Kräfte Yau und Gong hinzuziehen. "Yau" entspricht dabei der Federkraft - sie ist passiv, weich, elastisch, federnd und flexibel.
"Gong" hingegen ist die primitive, brutale Kraft, die bei obigem Beispiel dann durch die brachiale Selbstverteidigung des "Starken" symbolisiert werden würde. Die im Wing Chun angewandte Kraft ist Yau.
Das bedeutet nicht, wie manche Kampfsysteme irrtümlich glauben, dass es sich um eine schwache Kraft handeln muss. Denken wir doch z. B. einmal an die Feder in einem Auto. Auch innerhalb der Yau-Kraft kann man differenzieren zwischen einer großen und einer kleinen Kraft, ebenso wie es große und kleine Federn gibt. Es gibt starke und schwache Yau-Kräfte; wie es starke und schwache Federn gibt.
Daher ist der Unterschied zwischen Yau und Gong nicht quantitativ, sondern qualitativ zu bewerten.
Ich habe als Illustration zu dem heutigen Beitrag frische grüne Weidenruten gewählt.
Ganz bewusst habe ich mich gegen die Darstellung von Bambus oder Rattan, die sonst so gerne in ähnlichem Zusammenhang in der Kampfkunstwelt aufgeführt werden, entschieden. Denn die Weidenrute ist einerseits extrem "weich" und biegsam, kann aber auch aufgrund ihrer Elastizität in einer federnden Schnellbewegung eine erstaunliche Kraft entfalten. Jeder, der schon einmal einen Hieb mit einer solchen Rute erhalten hat, wird nachvollziehen können, was ich hiermit verdeutlichen will.
Außerdem gilt die Weide in China als Symbol für den Frühling, und Wing Chun bedeutet nun einmal so viel wie "immerwährender Frühling"...
In der Hoffnung, dass der Frühling auch meteorologisch bald hierzulande Einzug halten möge, verbleibe ich wieder
Euer Sifu Kai
Sonntag, 10. Februar 2013
Das Jahr der Schlange hat begonnen...
Liebe Leserinnen und Leser,
das chinesische Jahr der Schlange hat begonnen. Die Chinesen sagen den Menschen, die im Jahr der Schlange geboren wurden, einige interessante Eigenschaften nach: gutes Aussehen, Charme, Intelligenz, Entschlussfreudigkeit und eine scharfe Beobachtungsgabe. Wenn die Charaktere eher zu der dunklen Seite tendieren, dann können sich zu den vorher genannten positiven Eigenschaften auch noch Aggressivität und Tyrannei hinzugesellen.
Ein lateinisches Sprichwort belegt die Schlange mit folgenden mahnenden Worten: Nemo me impune lacessit.
Das ließe sich in etwa wie folgt übertragen: Niemand tritt mir zu nahe (beleidigt mich), ohne verletzt zu werden. Diese Erkenntnis kann man auch trefflich auf die anzustrebende charakterliche Eigenart eines Wing Chun - Kämpfers anwenden, die sich in den Worten zusammenfassen lässt: Ich kümmere mich um meine eigenen Angelegenheiten, aber wenn du Ärger suchst, dann werde ich dir eine Welt voller Schmerzen verschaffen.
Ich wünsche allen Mitlesenden ein frohes chinesisches Neujahr und möchte alle ermuntern, in diesem Jahr die besondere innere Einstellung der Schlange zu beherzigen und mitunter auch nach außen zu tragen.
Euer Sifu Kai
Freitag, 1. Februar 2013
Die gute Idee für den Monat Februar
Liebe Mitlesenden,
"das mache ich doch mit links" - so besagt eine Redewendung.
Daran anknüpfend, möchte ich für diesen Monat den Vorschlag unterbreiten, mehr Tätigkeiten mit der "schwacheren" Hand auszuüben. Da der phänotypische Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung mit 10 bis 15 Prozent angegeben wird, gehe ich in meinen Ausführungen jetzt von der rechten Hand als der stärkeren aus. Für alle Linkshänder gilt daher, dass sie einfach nur die Überlegungen für ihre Voraussetzungen umzustellen brauchen.
Speziell in der Kampfkunst ist es notwendig und von unschätzbarem Vorteil, wenn man in der Lage ist, mit beiden Händen weitestgehend gleichwertig zu agieren. Diese Fertigkeit wird ja bereits im Formenlauf von Beginn an geschult und entwickelt. Wer sich mit dem weiten Feld des Waffentrainings beschäftigt (ob nun im mittelalterlichen europäischen Waffenkampf, in den FMA oder in anderen Kampfkünsten wie etwa im Kobudo oder im Mu Ki Do, um nur einige davon zu nennen), wird anfänglich noch die Schwierigkeiten spüren, die sich auf dem Wege zu einem Generalisten der Beidhändigkeit vor einem auftürmen. Die weniger gut ausgeprägte Koordination und Griff- wie Schlaghärte der "schwächeren" Hand wird sich in der ersten Phase des Lernens nicht verbergen lassen. Doch mit der Zeit wird man auch mit der ansonsten eher vernachlässigten Hand geschickter und sicherer, bis endlich der Unterschied zwischen den beiden Händen auf ein Minimum reduziert sein wird. Natürlich bleibt das Idealziel einer völligen Gleichwertigkeit beider Extremitäten immer anzustreben.
Im Wing Chun entwickelt die Bart Cham Dao - Form, die den weit fortgeschrittenen Ausübenden, der zu diesem Zeitpunkt meist bereits selbst eine Lehrtätigkeit aufgenommen haben wird, an die Handhabung der Doppelmesser (auch manchmal als "Schmetterlingsmesser" bezeichnet, wobei man in diesem Falle keiner Verwechslung mit dem philippinischen Balisong, das in der Umgangssprache als "Butterflymesser" bekannt geworden und durch Jugendgruppengewalt leider in Verruf geraten ist, unterliegen darf) heranführt und quasi die "höchste Weihe" in diesem Kampfkunstsystem darstellt, bestens die Verwendung beider Hände für diverse Aktionen, die in Kombination mit Schrittmustern und Körperwendungen dem aktiven Wing Chunler noch einmal einen besonderen Feinschliff verpasst und zu völlig neuen Erkenntnissen in dieser Kampfkunst führen kann.
Ich möchte meine Leser nun heute dazu ermuntern, auch im Alltag und daher außerhalb ihres eigentlichen Kampfkunsttrainings die "schwächere" Hand zu schulen, indem ganz bewusst mehr Tätigkeiten mit eben dieser Hand ausgeführt werden sollen. Zu diesem Zwecke werden sich für jeden ganz individuelle und nahezu unbegrenzte Möglichkeiten finden lassen, die nicht nur zu einer veränderten Wahrnehmung und Weltsicht, sondern auch zu einer größeren Flexibilität und Vielseitigkeit führen können. Von einer besseren Verknüpfung der linken mit der rechten Gehirnhälfte und anderen neuro-wissenschaftlichen Erwägungen möchte ich an dieser Stelle schweigen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern viel Spaß bei der Erprobung der Fähigkeiten der "schwächeren" Hand und verbleibe wieder bis zum nächsten Beitrag
Euer Sifu Kai
"das mache ich doch mit links" - so besagt eine Redewendung.
Daran anknüpfend, möchte ich für diesen Monat den Vorschlag unterbreiten, mehr Tätigkeiten mit der "schwacheren" Hand auszuüben. Da der phänotypische Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung mit 10 bis 15 Prozent angegeben wird, gehe ich in meinen Ausführungen jetzt von der rechten Hand als der stärkeren aus. Für alle Linkshänder gilt daher, dass sie einfach nur die Überlegungen für ihre Voraussetzungen umzustellen brauchen.
Speziell in der Kampfkunst ist es notwendig und von unschätzbarem Vorteil, wenn man in der Lage ist, mit beiden Händen weitestgehend gleichwertig zu agieren. Diese Fertigkeit wird ja bereits im Formenlauf von Beginn an geschult und entwickelt. Wer sich mit dem weiten Feld des Waffentrainings beschäftigt (ob nun im mittelalterlichen europäischen Waffenkampf, in den FMA oder in anderen Kampfkünsten wie etwa im Kobudo oder im Mu Ki Do, um nur einige davon zu nennen), wird anfänglich noch die Schwierigkeiten spüren, die sich auf dem Wege zu einem Generalisten der Beidhändigkeit vor einem auftürmen. Die weniger gut ausgeprägte Koordination und Griff- wie Schlaghärte der "schwächeren" Hand wird sich in der ersten Phase des Lernens nicht verbergen lassen. Doch mit der Zeit wird man auch mit der ansonsten eher vernachlässigten Hand geschickter und sicherer, bis endlich der Unterschied zwischen den beiden Händen auf ein Minimum reduziert sein wird. Natürlich bleibt das Idealziel einer völligen Gleichwertigkeit beider Extremitäten immer anzustreben.
Im Wing Chun entwickelt die Bart Cham Dao - Form, die den weit fortgeschrittenen Ausübenden, der zu diesem Zeitpunkt meist bereits selbst eine Lehrtätigkeit aufgenommen haben wird, an die Handhabung der Doppelmesser (auch manchmal als "Schmetterlingsmesser" bezeichnet, wobei man in diesem Falle keiner Verwechslung mit dem philippinischen Balisong, das in der Umgangssprache als "Butterflymesser" bekannt geworden und durch Jugendgruppengewalt leider in Verruf geraten ist, unterliegen darf) heranführt und quasi die "höchste Weihe" in diesem Kampfkunstsystem darstellt, bestens die Verwendung beider Hände für diverse Aktionen, die in Kombination mit Schrittmustern und Körperwendungen dem aktiven Wing Chunler noch einmal einen besonderen Feinschliff verpasst und zu völlig neuen Erkenntnissen in dieser Kampfkunst führen kann.
Ich möchte meine Leser nun heute dazu ermuntern, auch im Alltag und daher außerhalb ihres eigentlichen Kampfkunsttrainings die "schwächere" Hand zu schulen, indem ganz bewusst mehr Tätigkeiten mit eben dieser Hand ausgeführt werden sollen. Zu diesem Zwecke werden sich für jeden ganz individuelle und nahezu unbegrenzte Möglichkeiten finden lassen, die nicht nur zu einer veränderten Wahrnehmung und Weltsicht, sondern auch zu einer größeren Flexibilität und Vielseitigkeit führen können. Von einer besseren Verknüpfung der linken mit der rechten Gehirnhälfte und anderen neuro-wissenschaftlichen Erwägungen möchte ich an dieser Stelle schweigen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern viel Spaß bei der Erprobung der Fähigkeiten der "schwächeren" Hand und verbleibe wieder bis zum nächsten Beitrag
Euer Sifu Kai
Donnerstag, 17. Januar 2013
Über den Unterschied zwischen Trainer und Sifu
Liebe Mitlesende,
immer wieder einmal begegnet mir die Frage, worin denn eigentlich der Unterschied zwischen einem Trainer und einem Sifu liege. Auch kommt es immer mal wieder vor, dass hoffnungsvolle Schüler mit einer komplett falschen Vorstellung den Unterricht im Wing Chun antreten. Daher möchte ich heute den Unterschied zwischen einem Trainer und einem Sifu herausarbeiten.
Da ich selbst auch als (Diplom-)Trainer für WDS und Thai-Kick-Boxen tätig bin und obendrein als Chief-Instructor für das von mir ins Leben gerufene Everyday Life Combat / Reality Fighting fungiere, kann ich aus meinem eigenen Erlebnishorizont den Unterschied zu der Tätigkeit eines Sifu wohl recht gut beurteilen.
Denn die Herangehensweise an die Unterrichtsgestaltung und vor allem das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer ist beim von mir angebotenen Wing Chun und auch beim Tai Chi und Qi Gong eine völlig andere als bei den "verwestlichten" Kampfsport- und Selbstverteidigungssystemen.
Zuerst einmal muss man sich darüber klar werden, dass in der Welt des Wing Chun andere Gesetze herrschen als außerhalb dieser Kampfkunst. Nach der Tradition des chinesischen Kampfkunstunterrichtes wird die Tätigkeit eines Sifu keinesfalls als eine Dienstleistung angesehen, wie es in den moderneren Kampfsportarten der Fall ist. Der Sifu ist daher ganz sicher nicht der Diener seines Schülers, und die Leistung wird im Unterricht vom Schüler verlangt und nicht vom Lehrer.
Wem diese Vorstellung nicht behagt, der ist sicher besser beraten, eine verwestlichte Kampfsportart zu erlernen, wo der Lehrer eben kein Sifu , sondern ein Trainer ist. Denn zweifellos sind im Wing Chun Philosophie und Technik auf eine untrennbare Weise miteinander verbunden, so dass man als Schüler gewisse Regeln eben einfach akzeptieren und sich ihnen unterwerfen muss, wenn man es mit der völlig freien Entscheidung für einen Unterricht im Wing Chun auch wirklich ernst meint.
Beispielsweise wird im Wing Chun generell vor dem Unterricht bezahlt. Doch ist es dann nicht etwa der Lehrer, der sich für das erhaltene Geld zu bedanken hat, sondern der Schüler bedankt sich bei seinem Sifu, dass dieser das Geld annimmt und seine Einwilligung gibt, diesen Schüler zu unterrichten.
In der Regel liegen die Kosten für Unterricht im Wing Chun auch etwas höher als bei den anderen Kampfsportarten. Dennoch kann man sagen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis im Wing Chun eine Schieflage aufweist: Der Lehrer gibt nämlich mehr, als der Schüler zu zahlen hat.
Gar nicht so selten kommt es vor, dass neue Schüler der irrigen Auffassung anhängen, sie hätten für ihr Stundenhonorar den Sifu gekauft. Dementsprechend fällt dann auch ihr Verhalten aus. Diese Schüler stellen sich dann in den Kwoon (die Trainingsstätte) und scheinen darauf zu warten, dass der von ihnen vermeintlich gecharterte Lehrer mit ihnen etwas anstellt. Dabei verkennen sie die Tatsache, dass sie diejenigen sind, die trainieren sollen. Die Aufgabe des Sifu besteht darin, seine Schüler zu beobachten, zu korrigieren und ihnen neuen Stoff zu geben, wenn der alte wirklich beherrscht wird.
Dabei darf man nicht vergessen, dass Wing Chun kein Schnellkursus ist, den man in wenigen Wochen absolvieren könnte. Letztendlich bleibt man im Wing Chun ständig ein Schüler, wird man sich als ein ewig Suchender verstehen müssen. Mit noch so viel Übungs- und Unterrichtspraxis wird es im Wing Chun doch immer möglich bleiben, persönlich neue Erkenntnisse zu erfahren beziehungsweise sich neue Bereiche zu erschließen. Mit dieser notwendigen Bereitschaft zu ständigem Lernen geht aber auch die Notwendigkeit einher, ständig ein Schüler bleiben zu müssen. So wird auch ein Sifu immer der Schüler seines Lehrers bleiben, ähnlich wie ein Vater auch immer der Sohn seines Vaters bleiben wird.
Aus der Notwendigkeit zu der Bereitschaft zu ständigem (Dazu-)Lernen erwächst aber auch die Erkenntnis, dass Kritik eben nicht schädlich oder bösartig ist, sondern vielmehr die Triebfeder zu der individuellen Fortentwicklung. Nicht umsonst besagt ein altes Sprichwort: "Wer mir schmeichelt, ist mein Dieb. Wer mich kritisiert, ist mein Lehrer". Dementsprechend ist Kritik auch nicht bloß das Recht eines Lehrers, sondern vielmehr seine Aufgabe und heilige Pflicht.
Wer all das begreift, der wird seinen Sifu auch nicht als seinen Feind ansehen, der durch seine Kritik eventuelle Träume von der eigenen Großartigkeit zu zerstören trachtet. Unterrichtet werden heißt ganz einfach kritisiert werden. Damit muss ein Schüler des Wing Chun umzugehen verstehen beziehungsweise muss er es lernen, sein Ego so weit hintanzustellen, dass er Kritik nicht mehr als persönlichen Angriff auffasst.
Wer um die Gefahr, die in diesem Zusammenhang aus einem übergroßen Ego erwachsen kann, weiß, kann sich auch aus ihr befreien. Der größte Feind des Schülers ist die Ungeduld und die Selbstüberschätzung.
Da wird von einem Sifu auch eine behutsame Vorgehensweise und ein "geschicktes Händchen" im Umgang mit Menschen verlangt, denn ganz sicher ist der Schüler auch nicht der Leibeigene seines Sifus.
Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen sollte immer möglichst ausgeglichen bleiben.
So wird im Unterricht auch in der Regel nicht der ermutigt, der seine Sache gut macht, sondern der, der unsicher ist und meint, seine Kräfte (die hier nicht im physischen Sinne verstanden werden sollen) reichten nicht aus. Daher wird einem unvermeidbaren und erstmaligen Fehler auch nicht mit Tadel begegnet.
Wie heißt es doch in den Aufzeichnungen von Konfuzius ( * 551 v. Chr. - 479 v. Chr. ) so treffend:
"Einen Fehler begehen und ihn nicht wieder gut machen ( im Sinne von: sich nicht ändern, Anm. d. Verf.), erst das heißt fehlen."
Um abschließend das besondere Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer im Wing Chun charakterisieren und den Unterschied zwischen einem Trainer und einem Sifu begreiflich machen zu können, sei hier noch einmal Konfuzius das Wort erteilt, als er sich zu seinem Verhältnis zu den Schülern äußerte:
"Wem es nicht ernstlich darum zu tun ist, etwas zu lernen, dem erteile ich nicht meinen Unterricht, wer sich nicht wirklich bemüht, sich auszudrücken, dem helfe ich nicht nach. Habe ich eine Ecke gezeigt und er kann nicht von sich selber auf die anderen drei kommen, ist es bei mir vorbei mit dem Erklären."
Diese Worte dürften prägnant den Unterschied zwischen Trainer und Sifu skizzieren.
Keine Frage - ich übe beide Tätigkeiten mit der selben Gewissenhaftigkeit und Leidenschaft aus, denn das Wohl meiner Schüler liegt mir in allererster Linie am Herzen. Für welchen Weg sich die jeweiligen Schüler jedoch entscheiden, ob für den Weg der traditionellen Kampfkunst oder für die mitunter leichtere Kost des Kampfsports, das muss ganz den individuellen Vorstellungen und Bedürfnissen der Schüler vorbehalten bleiben. Nur müssen sie um die Unterschiede auch wissen, wenn sie eine den eigenen Interessen entsprechende Wahl treffen und eine gedeihliche Entwicklung beschreiten wollen.
Wenn ich mit meinem Blog hier und dem bescheidenen Wissen, das ich darin zu teilen bereit bin, einen Beitrag zu einer solchen Entscheidungshilfe leisten kann, dann sollen meine Worte nicht vergebens sein und ich dürfte mich dann glücklich schätzen.
Euer Sifu Kai
immer wieder einmal begegnet mir die Frage, worin denn eigentlich der Unterschied zwischen einem Trainer und einem Sifu liege. Auch kommt es immer mal wieder vor, dass hoffnungsvolle Schüler mit einer komplett falschen Vorstellung den Unterricht im Wing Chun antreten. Daher möchte ich heute den Unterschied zwischen einem Trainer und einem Sifu herausarbeiten.
Da ich selbst auch als (Diplom-)Trainer für WDS und Thai-Kick-Boxen tätig bin und obendrein als Chief-Instructor für das von mir ins Leben gerufene Everyday Life Combat / Reality Fighting fungiere, kann ich aus meinem eigenen Erlebnishorizont den Unterschied zu der Tätigkeit eines Sifu wohl recht gut beurteilen.
Denn die Herangehensweise an die Unterrichtsgestaltung und vor allem das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer ist beim von mir angebotenen Wing Chun und auch beim Tai Chi und Qi Gong eine völlig andere als bei den "verwestlichten" Kampfsport- und Selbstverteidigungssystemen.
Zuerst einmal muss man sich darüber klar werden, dass in der Welt des Wing Chun andere Gesetze herrschen als außerhalb dieser Kampfkunst. Nach der Tradition des chinesischen Kampfkunstunterrichtes wird die Tätigkeit eines Sifu keinesfalls als eine Dienstleistung angesehen, wie es in den moderneren Kampfsportarten der Fall ist. Der Sifu ist daher ganz sicher nicht der Diener seines Schülers, und die Leistung wird im Unterricht vom Schüler verlangt und nicht vom Lehrer.
Wem diese Vorstellung nicht behagt, der ist sicher besser beraten, eine verwestlichte Kampfsportart zu erlernen, wo der Lehrer eben kein Sifu , sondern ein Trainer ist. Denn zweifellos sind im Wing Chun Philosophie und Technik auf eine untrennbare Weise miteinander verbunden, so dass man als Schüler gewisse Regeln eben einfach akzeptieren und sich ihnen unterwerfen muss, wenn man es mit der völlig freien Entscheidung für einen Unterricht im Wing Chun auch wirklich ernst meint.
Beispielsweise wird im Wing Chun generell vor dem Unterricht bezahlt. Doch ist es dann nicht etwa der Lehrer, der sich für das erhaltene Geld zu bedanken hat, sondern der Schüler bedankt sich bei seinem Sifu, dass dieser das Geld annimmt und seine Einwilligung gibt, diesen Schüler zu unterrichten.
In der Regel liegen die Kosten für Unterricht im Wing Chun auch etwas höher als bei den anderen Kampfsportarten. Dennoch kann man sagen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis im Wing Chun eine Schieflage aufweist: Der Lehrer gibt nämlich mehr, als der Schüler zu zahlen hat.
Gar nicht so selten kommt es vor, dass neue Schüler der irrigen Auffassung anhängen, sie hätten für ihr Stundenhonorar den Sifu gekauft. Dementsprechend fällt dann auch ihr Verhalten aus. Diese Schüler stellen sich dann in den Kwoon (die Trainingsstätte) und scheinen darauf zu warten, dass der von ihnen vermeintlich gecharterte Lehrer mit ihnen etwas anstellt. Dabei verkennen sie die Tatsache, dass sie diejenigen sind, die trainieren sollen. Die Aufgabe des Sifu besteht darin, seine Schüler zu beobachten, zu korrigieren und ihnen neuen Stoff zu geben, wenn der alte wirklich beherrscht wird.
Dabei darf man nicht vergessen, dass Wing Chun kein Schnellkursus ist, den man in wenigen Wochen absolvieren könnte. Letztendlich bleibt man im Wing Chun ständig ein Schüler, wird man sich als ein ewig Suchender verstehen müssen. Mit noch so viel Übungs- und Unterrichtspraxis wird es im Wing Chun doch immer möglich bleiben, persönlich neue Erkenntnisse zu erfahren beziehungsweise sich neue Bereiche zu erschließen. Mit dieser notwendigen Bereitschaft zu ständigem Lernen geht aber auch die Notwendigkeit einher, ständig ein Schüler bleiben zu müssen. So wird auch ein Sifu immer der Schüler seines Lehrers bleiben, ähnlich wie ein Vater auch immer der Sohn seines Vaters bleiben wird.
Aus der Notwendigkeit zu der Bereitschaft zu ständigem (Dazu-)Lernen erwächst aber auch die Erkenntnis, dass Kritik eben nicht schädlich oder bösartig ist, sondern vielmehr die Triebfeder zu der individuellen Fortentwicklung. Nicht umsonst besagt ein altes Sprichwort: "Wer mir schmeichelt, ist mein Dieb. Wer mich kritisiert, ist mein Lehrer". Dementsprechend ist Kritik auch nicht bloß das Recht eines Lehrers, sondern vielmehr seine Aufgabe und heilige Pflicht.
Wer all das begreift, der wird seinen Sifu auch nicht als seinen Feind ansehen, der durch seine Kritik eventuelle Träume von der eigenen Großartigkeit zu zerstören trachtet. Unterrichtet werden heißt ganz einfach kritisiert werden. Damit muss ein Schüler des Wing Chun umzugehen verstehen beziehungsweise muss er es lernen, sein Ego so weit hintanzustellen, dass er Kritik nicht mehr als persönlichen Angriff auffasst.
Wer um die Gefahr, die in diesem Zusammenhang aus einem übergroßen Ego erwachsen kann, weiß, kann sich auch aus ihr befreien. Der größte Feind des Schülers ist die Ungeduld und die Selbstüberschätzung.
Da wird von einem Sifu auch eine behutsame Vorgehensweise und ein "geschicktes Händchen" im Umgang mit Menschen verlangt, denn ganz sicher ist der Schüler auch nicht der Leibeigene seines Sifus.
Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen sollte immer möglichst ausgeglichen bleiben.
So wird im Unterricht auch in der Regel nicht der ermutigt, der seine Sache gut macht, sondern der, der unsicher ist und meint, seine Kräfte (die hier nicht im physischen Sinne verstanden werden sollen) reichten nicht aus. Daher wird einem unvermeidbaren und erstmaligen Fehler auch nicht mit Tadel begegnet.
Wie heißt es doch in den Aufzeichnungen von Konfuzius ( * 551 v. Chr. - 479 v. Chr. ) so treffend:
"Einen Fehler begehen und ihn nicht wieder gut machen ( im Sinne von: sich nicht ändern, Anm. d. Verf.), erst das heißt fehlen."
Um abschließend das besondere Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer im Wing Chun charakterisieren und den Unterschied zwischen einem Trainer und einem Sifu begreiflich machen zu können, sei hier noch einmal Konfuzius das Wort erteilt, als er sich zu seinem Verhältnis zu den Schülern äußerte:
"Wem es nicht ernstlich darum zu tun ist, etwas zu lernen, dem erteile ich nicht meinen Unterricht, wer sich nicht wirklich bemüht, sich auszudrücken, dem helfe ich nicht nach. Habe ich eine Ecke gezeigt und er kann nicht von sich selber auf die anderen drei kommen, ist es bei mir vorbei mit dem Erklären."
Diese Worte dürften prägnant den Unterschied zwischen Trainer und Sifu skizzieren.
Keine Frage - ich übe beide Tätigkeiten mit der selben Gewissenhaftigkeit und Leidenschaft aus, denn das Wohl meiner Schüler liegt mir in allererster Linie am Herzen. Für welchen Weg sich die jeweiligen Schüler jedoch entscheiden, ob für den Weg der traditionellen Kampfkunst oder für die mitunter leichtere Kost des Kampfsports, das muss ganz den individuellen Vorstellungen und Bedürfnissen der Schüler vorbehalten bleiben. Nur müssen sie um die Unterschiede auch wissen, wenn sie eine den eigenen Interessen entsprechende Wahl treffen und eine gedeihliche Entwicklung beschreiten wollen.
Wenn ich mit meinem Blog hier und dem bescheidenen Wissen, das ich darin zu teilen bereit bin, einen Beitrag zu einer solchen Entscheidungshilfe leisten kann, dann sollen meine Worte nicht vergebens sein und ich dürfte mich dann glücklich schätzen.
Euer Sifu Kai
Donnerstag, 3. Januar 2013
Die gute Idee für den Monat Januar
Mit dem Januar ist auch ein neues Jahr angebrochen, und somit wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern ein gesundes und harmonisches Jahr 2013.
Das chinesische Neujahrsfest wird hingegen heuer erst am 10. Februar begangen, daher befinden wir uns nach dem chinesischen Kalender noch im Jahr des Wasser-Drachen.
Zum Jahreswechsel beladen sich ja viele Menschen mit "guten Vorsätzen" für das neue Jahr, und nur zu oft werden diese Vorsätze dann recht schnell wieder aufgegeben. Das muss nicht unbedingt an einer Willensschwäche der betreffenden Personen liegen, sondern viel mehr daran, dass man sich einfach zu viele Vorsätze aufgebürdet hat oder dass das Vorhaben einfach zu hoch gegriffen ausgefallen ist.
Auch in dieser Hinsicht gilt der alte Grundsatz: Weniger ist mehr.
Daher möchte ich heute die Empfehlung formulieren, dass ein wirklich sinnvoller Vorsatz für das neue Jahr darin bestehen könnte, sich mehr bewegen zu wollen.
Schon eine halbe Stunde Bewegung täglich dürfte die Lebensqualität steigern und den tückischen westlichen Wohlstandskrankheiten vorbeugen. Besonders wertvoll erscheint in diesem Zusammenhang die Bewegung an der frischen Luft. Nun ist gerade der Monat Januar ganz sicher in den hiesigen Breitengraden nicht gerade für ein einladendes Wetter bekannt, dennoch sollte man darauf bedacht sein, sich möglichst täglich für wenigstens eine halbe Stunde im Freien aufzuhalten und zu bewegen. Dass man dabei auf eine der Witterung entsprechende Kleidung achten muss, versteht sich eigentlich von selbst.
Ob man nun im Freien seine Formen läuft oder Qi Gong betreibt, ob man einfach nur etwas rascheren Schrittes einen Spaziergang unternimmt oder doch lieber gleich einen Dauerlauf hinlegt - der Anlass der Bewegung an der frischen Luft ist dabei weniger entscheidend als die Tatsache der Bewegung an sich.
Im Freien können wir mehr Licht tanken als in Räumlichkeiten, auch wenn die Luxzahl in den Wintermonaten natürlich nie mit der strahlenden Helligkeit der Sommermonate wird mithalten können. Zwar hat mit der Wintersonnenwende die Sonne bereits wieder ihren Siegeslauf begonnen, jedoch wird es noch einige Wochen dauern, bis wir die Auswirkungen des steigenden Sonnenstandes auch wirklich merklich werden genießen können.
Daher mein Tip für diesen Monat: Geht hinaus an die frische Luft und trachtet nach Bewegung!
Nur so lässt sich die Gesundheit in ihrer Gesamtheit fördern beziehungsweise erhalten, getreu dem Motto "Mens sana in corpore sano".
In diesem Sinne wünscht Euch einen aktiven und bewegungsreichen Monat Januar
Euer Sifu Kai
Das chinesische Neujahrsfest wird hingegen heuer erst am 10. Februar begangen, daher befinden wir uns nach dem chinesischen Kalender noch im Jahr des Wasser-Drachen.
Zum Jahreswechsel beladen sich ja viele Menschen mit "guten Vorsätzen" für das neue Jahr, und nur zu oft werden diese Vorsätze dann recht schnell wieder aufgegeben. Das muss nicht unbedingt an einer Willensschwäche der betreffenden Personen liegen, sondern viel mehr daran, dass man sich einfach zu viele Vorsätze aufgebürdet hat oder dass das Vorhaben einfach zu hoch gegriffen ausgefallen ist.
Auch in dieser Hinsicht gilt der alte Grundsatz: Weniger ist mehr.
Daher möchte ich heute die Empfehlung formulieren, dass ein wirklich sinnvoller Vorsatz für das neue Jahr darin bestehen könnte, sich mehr bewegen zu wollen.
Schon eine halbe Stunde Bewegung täglich dürfte die Lebensqualität steigern und den tückischen westlichen Wohlstandskrankheiten vorbeugen. Besonders wertvoll erscheint in diesem Zusammenhang die Bewegung an der frischen Luft. Nun ist gerade der Monat Januar ganz sicher in den hiesigen Breitengraden nicht gerade für ein einladendes Wetter bekannt, dennoch sollte man darauf bedacht sein, sich möglichst täglich für wenigstens eine halbe Stunde im Freien aufzuhalten und zu bewegen. Dass man dabei auf eine der Witterung entsprechende Kleidung achten muss, versteht sich eigentlich von selbst.
Ob man nun im Freien seine Formen läuft oder Qi Gong betreibt, ob man einfach nur etwas rascheren Schrittes einen Spaziergang unternimmt oder doch lieber gleich einen Dauerlauf hinlegt - der Anlass der Bewegung an der frischen Luft ist dabei weniger entscheidend als die Tatsache der Bewegung an sich.
Im Freien können wir mehr Licht tanken als in Räumlichkeiten, auch wenn die Luxzahl in den Wintermonaten natürlich nie mit der strahlenden Helligkeit der Sommermonate wird mithalten können. Zwar hat mit der Wintersonnenwende die Sonne bereits wieder ihren Siegeslauf begonnen, jedoch wird es noch einige Wochen dauern, bis wir die Auswirkungen des steigenden Sonnenstandes auch wirklich merklich werden genießen können.
Daher mein Tip für diesen Monat: Geht hinaus an die frische Luft und trachtet nach Bewegung!
Nur so lässt sich die Gesundheit in ihrer Gesamtheit fördern beziehungsweise erhalten, getreu dem Motto "Mens sana in corpore sano".
In diesem Sinne wünscht Euch einen aktiven und bewegungsreichen Monat Januar
Euer Sifu Kai
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